Montag, 6. März 2017

"Außerordentliche Tage"




                                                  

Titel: Außerordentliche Tage
Taschenbuch (12,5 x 19,0 cm)
Genre: Roman
Softcover: 320 Seiten (2 Farbseiten)
ISBN: 978 - 3 - 7450 - 4254 - 2
VP: 12,99 EUR zzgl. Versand
 epubli, Berlin
http://www.epubli.de/shop/buch/Au%C3%9Ferordentliche-Tage-Ferdinand-R%C3%B6hrl-9783745042542/62463
Erscheinungsdatum: 27.03.2017 

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Nach ersten erotischen Erlebnissen in seiner frühen Kindheit erlebt Dennis als Teenager seine erste Liebe. Zur selben Zeit findet er in Max seinen besten Freund. Spontan unternehmen die beiden eine Fahrradtour nach Paris. Leider hat ihre Freundschaft kein Happy End.
Zwanzig Jahre später, inzwischen mit Theresa verheiratet, entsteht auf einer Reise nach Italien, bei der sie Juan, sein jugendlicher Freund, begleitet, eine Dreiecksgeschichte, an der er zu zerbrechen droht. Schließlich hält das Leben eine Überraschung für ihn bereit.


Leseprobe
"Außerordentliche Tage"
Mai 1968
Da war diese BMW 250, ein neues Motorrad, das sich Hans erst kürzlich gekauft hatte. Lange hatte er dafür gespart. Das BMW Emblem glänzte auf dem dunklen Lack, unterbrochen von Chrom. Es war nagelneu.
„Was hast du dafür bezahlt?“ fragte Dennis, als er das Motorrad zum ersten Mal sah.
Es war ein Samstagabend. Der Himmel zeigte sich mit schweren, grauen Wolken wie Blei an diesem Tag Mitte Mai 1968.
„Zweitausendfünfhundert, das weißt du doch“, antwortete Hans.
Das Motorrad stand vor der Haustüre auf dem Bauernhof in Pulling. Es war ein kleines Dorf mit etwa zweihundert Einwohnern, die von der Landwirtschaft und dem Fremdenverkehr lebten. Das Motorrad war leicht nach links geneigt und auf den Ständer gestützt. Hans lehnte leicht dagegen, wobei er halb auf der gepolsterten schwarzen Sitzbank saß, die nur von einer Schlaufe vom hinteren Teil getrennt war, auf dem noch ein Mitfahrer sitzen konnte. Die Kunststoffverspannung glänzte. Der Kuhstall stand offen. Dennis konnte sehen, wie ein Schwalbenpaar, das darin nistete, im Tiefflug ein- und ausflog. Er hörte das aufgeregte Gezwitscher der Jungen, wenn sie von den Eltern mit einem Wurm gefüttert wurden, den die Alten im Schnabel trugen.
„Du lässt mich doch sicher auch mal fahren?“ fing Dennis gewandt an.
Er war heiß auf das Motorrad. Damit konnte er den Mädels imponieren und die eine oder andere Lady spätabends nach Hause fahren. Dabei konnten sich ungeahnte Möglichkeiten ergeben. Er malte sich bereits eine laue Sommernacht auf einer abgelegenen Wiese jenseits der Straße aus, wenn er seine Mitfahrerin verführen wollte.
„Nein“, sagte Hans nur lakonisch. „Dazu ist es zu neu und du hast keinen Führerschein.“
Und es war Samstagabend und die hereinbrechende Nacht noch jung. Dennis wusste, dass sie eine Probefahrt machen würden. Er würde hinter Hans auf dem Sozius sitzen. Hans würde fahren, was die Maschine hergab. Später würden sie ins Kino gehen und einige Mädchen anbaggern. Sie waren beide noch solo und ziemlich unerfahren, was Mädchen anging. Das erkannte man nur, wenn man genau hinhörte, wie sie mit Erlebnissen, die sie gemacht hatten, prahlten und sich gegenseitig beindrucken wollten.
Aus dem angrenzenden Wald ertönte Vogelgezwitscher, das Dennis so sehr liebte. Das ging so am frühen Morgen und, wenn die Dämmerung hereinbrach, bis Ende Juni, wenn die Vögel brüteten. Hans machte gerade eine Lehre als Automechaniker in der nahe gelegenen Kreisstadt. In jeder freien Minute hingen sie zusammen und schraubten herum. Dennis fuhr noch das 50 cbm Moped, Hans würde seines weiter fahren. Das Motorrad war für das Wochenende reserviert.
Es hatte an diesem Nachmittag leicht geregnet, doch jetzt war es schnell wieder abgetrocknet. Auf der Koppel, einige Meter entfernt, graste eines der Bauernpferde.
Plötzlich hörten sie ein starkes Brummen und sahen gleich darauf einen Maikäfer aus dem Gras auffliegen. Sie waren gute Freunde von Kindheit auf. Das war einfach so gekommen, keiner wusste so recht, wie das angefangen hatte. Dennis war in den Schulferien fast jeden Tag zu dem Bauernhof gekommen und hatte mit Hans und den anderen Jungs und Mädchen aus dem Dorf gespielt. Es war oft spät am Abend geworden, und seine Mutter hatte ihn bei einbrechender Dunkelheit nach Hause holen müssen. In dem offenen Heuschober hatten sie vortrefflich spielen und sich verstecken können. Die Zeit war dann wie im Flug vergangen, und Dennis hatte alles um sich herum vergessen. Diese Freundschaft hatte auch später gehalten, als Hans aus der Volksschule gekommen war und eine Lehre angefangen hatte, während Dennis noch das Gymnasium besuchte. Beide hatten sich für Autos und Motorräder begeistert.
Sie standen an dem Motorrad, beide in Jeans und spitzen Lacklederschuhen, die Haare stark gegelt und jeder mit einer Elvis Welle, wie es gerade Mode war. Hans klappte plötzlich den Motorradständer nach oben, steckte den Schlüssel in das Zündschloss über der Vorderlampe, so dass ein grünes Lämpchen auf der Lampe anzeigte, dass die Zündung eingeschaltet war. Dann trat er mit dem rechten Fuß den Kickstarter nach unten. Der Motor sprang sofort an, und ein leises Surren ertönte. Hans saß schon auf der Maschine, Dennis schwang sich auf den Sozius und hielt sich mit einer Hand an der Kunstlederschlaufe der Sitzbank fest.
Hans hatte den Scheinwerfer eingeschaltet, als sie den kleinen Feldweg hochfuhren, der zur Straße führte. Er beschleunigte schnell und schaltete bereits in die oberen Gänge. Dennis hatte das Gefühl, dass Hans viel zu schnell fuhr und die Maschine nicht wirklich unter Kontrolle hatte. Er wusste, dass eine scharfe Linkskurve kommen würde, und Hans hatte in wenigen Sekunden bereits über hundert Sachen drauf. Die Kurve kam jetzt, und Hans legte sich in die Kurve. Dennis blieb nichts anderes übrig, als mitzugehen und sich mit Hans in die Kurve zu legen. Er konnte den Kurvenverlauf nicht sehen, weil ihm Hans mit seinem Rücken die Sicht verstellte.
Dann gab es einen furchtbaren Knall und einen harten Stoß, als Dennis vom Motorrad durch die Luft flog. Er landete hart mit Hinterteil und Rücken auf dem Asphalt und bemerkte nur wie in Trance, dass er einen Schuh verloren hatte. Von Hans und dem Motorrad konnte er nichts sehen. Lediglich eine durchtrennte Leitplanke zeigte an, welchen Weg das Motorrad nach unten in den Fluss genommen haben musste. Panik stieg in Dennis auf, als er die Böschung hinunterstürzte und sich mehrmals dabei überschlug. Er konnte erst gar nichts in der Dunkelheit sehen. Benzingestank stieg ihm in die Nase, dann sah er die Maschine am Flussufer auf dem Boden liegen. Daneben lag Hans auf dem Rücken und rührte sich nicht mehr. Blut lief aus seiner Nase.
„Hey, Hans, komm, wach auf, ich bin’s, Dennis!“ schrie er.
Doch Hans rührte sich nicht.
„Hey, Hans, komm schon, bitte!“ Dann: „Warte, ich hole schnell Hilfe!“
In höchster Not und tränenüberströmt lief Dennis zum Gasthof „Knallhütte“, der an der Kurve lag und trommelte an eines der erleuchteten Fenster. Dort gab es ein Telefon, und sie riefen schnell die Sanitäter. Währenddessen liefen einige Männer mit Dennis zur Unfallstelle und versuchten erste Hilfe zu leisten. Doch jede Hilfe kam zu spät. Als der Sanitätswagen eintraf, konnte der Arzt nur noch den Tod feststellen. Hans hatte sich bei seinem Aufprall auf der Leitplanke das Genick gebrochen und war sofort tot gewesen.
Der tödliche Unfall war das Tagesgespräch am nächsten Sonntagmorgen vor der kleinen Dorfkirche. Die Bewohner waren tief betroffen. Es waren die üblichen Vorwürfe an die jungen Leute, die noch nicht reif genug waren, und viel zu schnell schwere Maschinen fahren durften. Das habe nicht gut gehen können. Die Leute standen noch lange auf dem kleinen Kirchhof beisammen.
Dennis war zu Hause geblieben. Er ging nicht aus dem Haus. Die nächste Woche würde er sich frei nehmen. Dann würde schnell die Beerdigung sein. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. In ihm bohrte der Schmerz. Hans war tot. Das konnte nicht wahr sein. Er musste träumen. Wie hatte es dazu überhaupt kommen können? Warum hatte er Hans nicht gestoppt? Was sollte er jetzt tun und was sollte aus ihm werden, jetzt ohne Hans? Ein stechender Schmerz zeigte ihm an, wie sehr ihm Hans fehlte. Sie waren durch dick und dünn gemeinsam seit ihrer frühesten Kindheit gegangen. Jetzt auf einmal war alles aus. Ohne Hans machte ihm die Schule keinen Spaß mehr. Er vergrub sein Gesicht in den Kissen und heulte einfach los. Langsam erwachte er aus seiner Schockstarre, als er weinte. Die Eltern hatten ihn in Ruhe gelassen.
Die Sonne stieg an diesem Morgen, an dem die Beerdigung stattfand, langsam höher. Lautes Kirchengeläute ertönte, als die Dorfbewohner vollzählig in die Kirche strömten. Dennis stand hinten an der Kirchentüre, gekleidet in seinen blauen Konfirmationsanzug mit der silberfarbenen Krawatte, und nahm die Messe und die Predigt des Pfarrers nur aus großer Entfernung wahr. Es hatte ihn große Mühe gekostet, überhaupt zu kommen.
Später ließen sie den Sarg in das ausgehobene Grab hinunter, das von vielen weißen Kränzen umrahmt war. Die Leute nahmen Abschied, indem sie etwas Erde mit einer Schaufel in das Grab warfen. Dennis tat es als letzter. Bleich stand er dabei am Grab und konnte nur stumm Abschied nehmen. Anschließend ging er schnell weg, als Bläser das „Ave Maria“ spielten. Der Herr hatte Hans das Leben gegeben und es ihm jetzt wieder genommen. Wieso konnte Gott so grausam sein? Hans hatte erst vor kurzem seinen einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Sie hatten herumgealbert. Dennis erschien es jetzt, als wäre es erst gestern gewesen. Er liebte Hans so sehr, dass er einen tiefen körperlichen Verlust verspürte, als wäre ein Teil von ihm gestorben.
Das Grab lösten sie später auf, als sie den neuen Gemeindefriedhof bauten. Dennis wusste es nicht, als er nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt zum Grab gekommen war. Er versuchte es zu finden. Vergeblich.
Es war Hochsommer, und die Kirchenuhr schlug ein Uhr nachmittags. Ein leichter Sommerwind strich durch den alten Friedhof, auf dem sich nur noch wenige sehr alte Gräber befanden. Die Äste der großen Trauerweide wiegten sich sanft im Wind. Die Hitze tat gut, und viele Gedanken stürzten auf Dennis ein. Er sah, wie der Wind den feinen Sand auf dem Gehweg vor sich hertrieb und spürte erst in Gedanken intuitiv, dann körperlich, dass Hans da war und ihn beobachtete. Stumm hielten sie Zwiesprache, Hans und Dennis, und er erkannte plötzlich, dass da mehr war, als ihre Freundschaft, die Unglücksmaschine, der frühe Tod von Hans und sein Schicksal, etwas, das größer war als sie beide. Er würde noch öfter auf diesen Friedhof zu Besuch kommen. Dessen war er sich ganz sicher.
 
Texte: © Copyright by Ferdinand Röhrl
            Umschlag: © Copyright by Ferdinand Röhrl