
Titel: Außerordentliche Tage
Taschenbuch (12,5 x 19,0 cm)
Genre: Roman
Softcover: 320 Seiten (2 Farbseiten)
ISBN: 978 - 3 - 7450 - 4254 - 2
VP: 12,99 EUR zzgl. Versand
epubli,
Berlin
http://www.epubli.de/shop/buch/Au%C3%9Ferordentliche-Tage-Ferdinand-R%C3%B6hrl-9783745042542/62463
Erscheinungsdatum: 27.03.2017
Gerne auch schon Vorbestellungen an mich ferdinand.roehrl@online.de mit
Betreff: Bestellung Buch "Außerordentliche Tage", Ihrer Adresse und ob Sie
eine Widmung bzw. Signatur wünschen. Danke!
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Zwanzig Jahre später,
inzwischen mit Theresa verheiratet, entsteht auf einer Reise nach
Italien, bei der sie Juan, sein jugendlicher Freund, begleitet, eine
Dreiecksgeschichte, an der er zu zerbrechen droht. Schließlich hält
das Leben eine Überraschung für ihn bereit.
Leseprobe
"Außerordentliche Tage"
Mai
1968
Da war diese BMW 250, ein neues Motorrad, das sich Hans erst
kürzlich gekauft hatte. Lange hatte er dafür gespart. Das BMW Emblem glänzte
auf dem dunklen Lack, unterbrochen von Chrom. Es war nagelneu.
„Was hast du dafür bezahlt?“ fragte
Dennis, als er das Motorrad zum ersten Mal sah.
Es war ein Samstagabend. Der Himmel
zeigte sich mit schweren, grauen Wolken wie Blei an diesem Tag Mitte Mai 1968.
„Zweitausendfünfhundert, das weißt
du doch“, antwortete Hans.
Das Motorrad stand vor der Haustüre
auf dem Bauernhof in Pulling. Es war ein kleines Dorf mit etwa zweihundert
Einwohnern, die von der Landwirtschaft und dem Fremdenverkehr lebten. Das
Motorrad war leicht nach links geneigt und auf den Ständer gestützt. Hans
lehnte leicht dagegen, wobei er halb auf der gepolsterten schwarzen Sitzbank
saß, die nur von einer Schlaufe vom hinteren Teil getrennt war, auf dem noch
ein Mitfahrer sitzen konnte. Die Kunststoffverspannung glänzte. Der Kuhstall
stand offen. Dennis konnte sehen, wie ein Schwalbenpaar, das darin nistete, im
Tiefflug ein- und ausflog. Er hörte das aufgeregte Gezwitscher der Jungen, wenn
sie von den Eltern mit einem Wurm gefüttert wurden, den die Alten im Schnabel
trugen.
„Du lässt mich doch sicher auch mal
fahren?“ fing Dennis gewandt an.
Er war heiß auf das Motorrad. Damit
konnte er den Mädels imponieren und die eine oder andere Lady spätabends nach
Hause fahren. Dabei konnten sich ungeahnte Möglichkeiten ergeben. Er malte sich
bereits eine laue Sommernacht auf einer abgelegenen Wiese jenseits der Straße
aus, wenn er seine Mitfahrerin verführen wollte.
„Nein“, sagte Hans nur lakonisch.
„Dazu ist es zu neu und du hast keinen Führerschein.“
Und es war Samstagabend und die
hereinbrechende Nacht noch jung. Dennis wusste, dass sie eine Probefahrt machen
würden. Er würde hinter Hans auf dem Sozius sitzen. Hans würde fahren, was die
Maschine hergab. Später würden sie ins Kino gehen und einige Mädchen anbaggern.
Sie waren beide noch solo und ziemlich unerfahren, was Mädchen anging. Das
erkannte man nur, wenn man genau hinhörte, wie sie mit Erlebnissen, die sie gemacht
hatten, prahlten und sich gegenseitig
beindrucken wollten.
Aus dem angrenzenden Wald ertönte
Vogelgezwitscher, das Dennis so sehr liebte. Das ging so am frühen Morgen und,
wenn die Dämmerung hereinbrach, bis Ende Juni, wenn die Vögel brüteten. Hans
machte gerade eine Lehre als Automechaniker in der nahe gelegenen Kreisstadt.
In jeder freien Minute hingen sie zusammen und schraubten herum. Dennis fuhr
noch das 50 cbm Moped, Hans würde seines weiter fahren. Das Motorrad war für
das Wochenende reserviert.
Es hatte an diesem Nachmittag leicht
geregnet, doch jetzt war es schnell wieder abgetrocknet. Auf der Koppel, einige
Meter entfernt, graste eines der Bauernpferde.
Plötzlich hörten sie ein starkes
Brummen und sahen gleich darauf einen Maikäfer aus dem Gras auffliegen. Sie
waren gute Freunde von Kindheit auf. Das war einfach so gekommen, keiner wusste
so recht, wie das angefangen hatte. Dennis war in den Schulferien fast jeden
Tag zu dem Bauernhof gekommen und hatte mit Hans und den anderen Jungs und
Mädchen aus dem Dorf gespielt. Es war oft spät am Abend geworden, und seine
Mutter hatte ihn bei einbrechender Dunkelheit nach Hause holen müssen. In dem
offenen Heuschober hatten sie vortrefflich spielen und sich verstecken können.
Die Zeit war dann wie im Flug vergangen, und Dennis hatte alles um sich herum
vergessen. Diese Freundschaft hatte auch später gehalten, als Hans aus der
Volksschule gekommen war und eine Lehre angefangen hatte, während Dennis noch
das Gymnasium besuchte. Beide hatten sich für Autos und Motorräder begeistert.
Sie standen an dem Motorrad, beide
in Jeans und spitzen Lacklederschuhen, die Haare stark gegelt und jeder mit
einer Elvis Welle, wie es gerade Mode war. Hans klappte plötzlich den
Motorradständer nach oben, steckte den Schlüssel in das Zündschloss über der
Vorderlampe, so dass ein grünes Lämpchen auf der Lampe anzeigte, dass die
Zündung eingeschaltet war. Dann trat er mit dem rechten Fuß den Kickstarter
nach unten. Der Motor sprang sofort an, und ein leises Surren ertönte. Hans saß
schon auf der Maschine, Dennis schwang sich auf den Sozius und hielt sich mit
einer Hand an der Kunstlederschlaufe der Sitzbank fest.
Hans hatte den Scheinwerfer
eingeschaltet, als sie den kleinen Feldweg hochfuhren, der zur Straße führte.
Er beschleunigte schnell und schaltete bereits in die oberen Gänge. Dennis
hatte das Gefühl, dass Hans viel zu schnell fuhr und die Maschine nicht
wirklich unter Kontrolle hatte. Er wusste, dass eine scharfe Linkskurve kommen
würde, und Hans hatte in wenigen Sekunden bereits über hundert Sachen drauf.
Die Kurve kam jetzt, und Hans legte sich in die Kurve. Dennis blieb nichts
anderes übrig, als mitzugehen und sich mit Hans in die Kurve zu legen. Er
konnte den Kurvenverlauf nicht sehen, weil ihm Hans mit seinem Rücken die Sicht
verstellte.
Dann gab es einen furchtbaren Knall
und einen harten Stoß, als Dennis vom Motorrad durch die Luft flog. Er landete
hart mit Hinterteil und Rücken auf dem Asphalt und bemerkte nur wie in Trance,
dass er einen Schuh verloren hatte. Von Hans und dem Motorrad konnte er nichts
sehen. Lediglich eine durchtrennte Leitplanke zeigte an, welchen Weg das
Motorrad nach unten in den Fluss genommen haben musste. Panik stieg in Dennis
auf, als er die Böschung hinunterstürzte und sich mehrmals dabei überschlug. Er
konnte erst gar nichts in der Dunkelheit sehen. Benzingestank stieg ihm in die
Nase, dann sah er die
Maschine am Flussufer auf dem Boden liegen. Daneben lag Hans auf dem Rücken und
rührte sich nicht mehr. Blut lief aus seiner Nase.
„Hey, Hans, komm, wach auf, ich
bin’s, Dennis!“ schrie er.
Doch Hans rührte sich nicht.
„Hey, Hans, komm schon, bitte!“
Dann: „Warte, ich hole schnell Hilfe!“
In höchster Not und tränenüberströmt
lief Dennis zum Gasthof „Knallhütte“, der an der Kurve lag und trommelte an eines
der erleuchteten Fenster. Dort gab es ein Telefon, und sie riefen schnell die
Sanitäter. Währenddessen liefen einige Männer mit Dennis zur Unfallstelle und
versuchten erste Hilfe zu leisten. Doch jede Hilfe kam zu spät. Als der Sanitätswagen
eintraf, konnte der Arzt nur noch den Tod feststellen. Hans hatte sich bei
seinem Aufprall auf der Leitplanke das Genick gebrochen und war sofort tot
gewesen.
Der tödliche Unfall war das
Tagesgespräch am nächsten Sonntagmorgen vor der kleinen Dorfkirche. Die Bewohner
waren tief betroffen. Es waren die üblichen Vorwürfe an die jungen Leute, die
noch nicht reif genug waren, und viel zu schnell schwere Maschinen fahren
durften. Das habe nicht gut gehen können. Die Leute standen noch lange auf dem
kleinen Kirchhof beisammen.
Dennis war zu Hause geblieben. Er
ging nicht aus dem Haus. Die nächste Woche würde er sich frei nehmen. Dann
würde schnell die Beerdigung sein. Er wusste nicht, wie er sich verhalten
sollte. In ihm bohrte der Schmerz. Hans war tot. Das konnte nicht wahr sein. Er
musste träumen. Wie hatte es dazu überhaupt kommen können? Warum hatte er Hans
nicht gestoppt? Was sollte er jetzt tun und was sollte aus ihm werden, jetzt
ohne Hans? Ein stechender Schmerz zeigte ihm an, wie sehr ihm Hans fehlte. Sie
waren durch dick und dünn gemeinsam seit ihrer frühesten Kindheit gegangen.
Jetzt auf einmal war alles aus. Ohne Hans machte ihm die Schule keinen Spaß
mehr. Er vergrub sein Gesicht in den Kissen und heulte einfach los. Langsam
erwachte er aus seiner Schockstarre, als er weinte. Die Eltern hatten ihn in
Ruhe gelassen.
Die Sonne stieg an diesem Morgen, an
dem die Beerdigung stattfand, langsam höher. Lautes Kirchengeläute ertönte, als
die Dorfbewohner vollzählig in die Kirche strömten. Dennis stand hinten an der
Kirchentüre, gekleidet in seinen blauen Konfirmationsanzug mit der
silberfarbenen Krawatte, und nahm die Messe und die Predigt des Pfarrers nur
aus großer Entfernung wahr. Es hatte ihn große Mühe gekostet, überhaupt zu
kommen.
Später ließen sie den Sarg in das
ausgehobene Grab hinunter, das von vielen weißen Kränzen umrahmt war. Die Leute
nahmen Abschied, indem sie etwas Erde mit einer Schaufel in das Grab warfen.
Dennis tat es als letzter. Bleich stand er dabei am Grab und konnte nur stumm
Abschied nehmen. Anschließend ging er schnell weg, als Bläser das „Ave Maria“
spielten. Der Herr hatte Hans das Leben gegeben und es ihm jetzt wieder
genommen. Wieso konnte Gott so grausam sein? Hans hatte erst vor kurzem seinen
einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Sie hatten herumgealbert. Dennis
erschien es jetzt, als wäre es erst gestern gewesen. Er liebte Hans so sehr,
dass er einen tiefen körperlichen Verlust verspürte, als wäre ein Teil von ihm
gestorben.
Das Grab lösten sie später auf, als sie den neuen Gemeindefriedhof
bauten. Dennis wusste es nicht, als er nach einem mehrjährigen
Auslandsaufenthalt zum Grab gekommen war. Er versuchte es zu finden.
Vergeblich.
Es war Hochsommer, und die
Kirchenuhr schlug ein Uhr nachmittags. Ein leichter Sommerwind strich durch den
alten Friedhof, auf dem sich nur noch wenige sehr alte Gräber befanden. Die
Äste der großen Trauerweide wiegten sich sanft im Wind. Die Hitze tat gut, und
viele Gedanken stürzten auf Dennis ein. Er sah, wie der Wind den feinen Sand
auf dem Gehweg vor sich hertrieb und spürte erst in Gedanken intuitiv, dann
körperlich, dass Hans da war und ihn beobachtete. Stumm hielten sie
Zwiesprache, Hans und Dennis, und er erkannte plötzlich, dass da mehr war, als
ihre Freundschaft, die Unglücksmaschine, der frühe Tod von Hans und sein
Schicksal, etwas, das größer war als sie beide. Er würde noch öfter auf diesen
Friedhof zu Besuch kommen. Dessen war er sich ganz sicher.
Texte: © Copyright by Ferdinand Röhrl
Umschlag: © Copyright by Ferdinand Röhrl
Umschlag: © Copyright by Ferdinand Röhrl
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